Die Deichrückverlegung

Eine „lebendige Aue“ – das heißt eine Auenlandschaft, die dem wechselhaften Rhythmus des Flusses - der Überflutung bei Hochwasser und der Trockenheit bei Niedrigwasser - ausgesetzt ist, das ist das Ziel im zentralen Bereich des Naturschutzgroßprojektes.

Seit Jahrhunderten hat ein Deich den Fluss von der Aue getrennt, zum Schutz vor Hochwasser und für die landwirtschaftliche Nutzung der fruchtbaren Aueböden. Das Fehlen der natürlichen, regelmäßigen Überflutung führte zum Verschwinden der natürlichen Auenlandschaft, ihrer Tiere und Pflanzen. Die Wiederherstellung der Naturlandschaft braucht in der Aue die freie Verbindung zum Fluss. Zentrale Maßnahme des Naturschutzgroßprojektes ist deshalb die Rückverlegung des flussnahen Deiches um bis zu 1,3 km und Öffnung des alten Deiches in sechs Abschnitten. Damit bestimmt wieder allein der Wasserstand der Elbe über die Überflutung und dem Abfluss des reaktivierten Auenraumes.


Die Deichrückverlegung: Neudeichbaustelle links, Elbe und Altdeich rechts im Bild

Mehr als 100 Jahre alt ist die Idee zu einer Rückverlegung des Deiches am "Bösen Ort" - aus wasserbaulichen Gründen zur Entschärfung der hydraulischen Gefahrenstelle: Auf die Gefährdung des Deiches durch die scharfe 90°-Biegung des Flusslaufes bei gleichzeitiger Verengung der Hochwasserabflussbreite von 1.200 auf unter 500 Meter zwischen den Deichen hatten bereits die Wasserbauer der königlichen Elbstromverwaltung 1898 hingewiesen. Auf diese Gefahrenstelle – das Abflussprofil zwischen den Deichen verringert sich am "Bösen Ort" von 1.200 auf unter 500 Meter – hatten Wasserbauer bereits vor langer Zeit hingewiesen. 1963 führten Modelluntersuchungen ebenfalls zur Empfehlung einer Deichrückverlegung, deren Realisierung jedoch am Grenzgebietsstatus und aus Kapazitätsgründen des Deichbaues scheiterte.

Nach der politischen Wende Anfang der 1990er Jahre entwickelte die Verwaltung des heutigen Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe in Brandenburg eine um ökologische Aspekte erweiterte Projektidee: Mit der Rückverlegung des Elbdeiches zwischen dem "Bösen Ort" und dem Hafen Lenzen sollte nicht nur die hydraulische Engstelle beseitigt werden, sondern eine möglichst große Retentionsfläche und ein aus landschaftsökologischer Sicht wertvoller Auenüberflutungsraum entstehen.

Die Chance zur Umsetzung eröffnete sich durch das zeitliche Zusammentreffen dieser Projektidee mit der Notwendigkeit der Sanierung des vorhandenen Deiches. Dieser entsprach in Bezug auf Höhe und Bauweise nicht mehr den heutigen Anforderungen und die Entschärfung der Gefahrenstelle "Böser Ort" erhielt neue Aktualität. So konnten die Belange des Hochwasserschutzes mit denen des Naturschutzes miteinander verknüpft werden.

Die Deichrückverlegung ist ein beispielhaftes Renaturierungsprojekt und besitzt grundlegende ökologische und wissenschaftliche Bedeutung. Die Ausdeichung eines mehr als 420 ha umfassenden Ausschnitts einer Stromtalaue zählt in dieser Größenordnung im nationalen und im europäischen Maßstab zu den größten Vorhaben dieser Art.